Wolkendorf
Wolkendorf
Ein unvergesslicher Sommer unterhalb des Königstein
von Katharina Sum, Tuttlingen


Ich verbrachte meinen Sommer 2011 jenseits der Wälder unterhalb des Königssteins in Magura bei der Familie Kurmes. Ich denke, viele von Ihnen kennen die Pension oder haben zumindest davon gehört. So ging es auch meiner Familie, als wir vor zwei Jahren das erste Mal in Siebenbürgen waren. Wir hatten nur eine ungefähre Ahnung, wo sich die „Villa Hermani“ befinden könnte, nahmen den falschen Weg nach oben und kehrten bald wegen den Schlaglöchern in der Straße um. Schade.

Inzwischen weiß ich es besser, nachdem ich drei Monate dort verbrachte.
Für die Zeit nach dem Abitur wollte ich ins Ausland. Wohin genau, war mir eigentlich egal. Meine Großeltern, Hildegard und Hans Hermannstädter (Immendingen), waren es schließlich, die mir vorschlugen, doch beim Hermann Kurmes nachzufragen. Sicher, ich hätte auch arbeiten können und danach die USA oder Australien bereisen können. Aber das wäre ja langweilig gewesen. Rumänien ist den meisten recht fremd und ziemlich fern. Wenn man mal ans Schwarze Meer geht, dann meistens nach Bulgarien oder Istanbul. Aber Constanza? Wer kennt das schon?
So traf ich auf 1000 m Höhe, mitten im Karpatenbogen, in dem Dorf Magura ein.

Rumänien war mir, wie zuvor geschrieben, nicht völlig fremd. Im Jahr 2009 besuchte ich bereits mit meiner Familie Wolkendorf und die nähere Umgebung. Wir wollten sehen, woher die Familie meiner Mutter, Gertrud Sum geb. Hermannstädter, stammt.
Als wir damals auf der Straße durch Arad und Deva die ersten sächsischen Dörfer sahen, hatte ich das Gefühl alles schon zu kennen – es erinnerte mich an die Bilder aus Wolkendorf.

Ich kam Ende Juni mit dem Bus in Kronstadt am Busbahnhof an. Das Wetter war schlecht, ich war müde, die Straßen grau und die Menschen am Busbahnhof gestresst. Natürlich fragt man sich in so einem Moment, warum man hier ist.
Ich hatte keine Ahnung, was und wer mich in der Villa Hermani erwartet, aber jeder der schon dort war erzählte mir wie verlassen das Haus in den Bergen liegt und dass es dort weit und breit nichts gibt. Daher war ich recht überrascht über die vielen Häuser um die Villa Hermani - einsam und verlassen liegt das Haus sicher nicht. Die Straße war gewöhnungsbedürftig und ich hätte nicht gedacht, dass ich, einige Wochen, diese Straße befahren werde – und es auch noch Spaß macht.

In den ersten beiden Wochen hat mich besonders eine orthodoxe Beerdigung beeindruckt. Mir ist das Dorfleben fremd. Noch fremder war aber die orthodoxe Kirche; aus dem Religionsunterricht wusste ich hierüber auch nichts mehr. Hermann und ich nahmen am Trauerzug durch das Dorf teil. Auch dort erkannte ich wieder Verschiedenes von den Bildern meiner Großeltern, beispielsweise die Uniformen der Musikanten oder das Geburtshaus meiner Großmutter.

Wir waren bei der Feier zur 800-jährigen Besiedlung des Burzenlandes in Neustadt/Cristian. Die Ritterspiele waren größtenteils in Rumänisch und so lernte ich auch nichts Neues über die Geschichte. Beim anschließenden Essen erfuhr ich von der Existenz des sächsischen Suppenmarsches – faszinierend.

Nach nur zwei Wochen in der Villa Hermani boten mir Hermann, Katharina und Uwe Seidner an, mit mir auf eine Jugendfreizeit ins Donaudelta zu fahren. Das war typisch für die Zeit in der Villa Hermani, man weiß nie so genau, was als nächstes passieren wird und fährt dann eben ins Donaudelta. Die zwei Wochen im Donaudelta waren eine sehr schöne Zeit. Wir haben vieles gesehen und viel erlebt. Ich erwartete nichts von der Schwarzmeerküste, wurde aber positiv überrascht von den Stränden und dem Meer.
Durch meine Heimatstadt fließt die Donau noch als kleiner Fluss; im Delta badete ich in einem großen Strom, der auf dem Weg zwischen Donaueschingen und dem Schwarzen Meer unzählige Fabriken passiert hatte. Diesen Gedanken verdrängte ich aber erfolgreich und bis jetzt sind mir keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen aufgefallen.
Was dort wirklich nervig ist - wie von allen erwartet - sind die Mücken. Es ist nicht möglich entspannt zwischen sieben Uhr abends und neun Uhr morgens in kurzer Kleidung draußen zu sitzen. Bedenkt man die unerträgliche Hitze zwischen zwei Uhr mittags und sechs Uhr abends, bleiben gerade noch rund vier Stunden Zeit, etwas anderes zu tun als im Schatten zu liegen.

Nach dem Donaudelta begann in der Villa Hermani die Hauptsaison, man erwartete viele Gäste und das Haus war ausgebucht. Das bedeutete Stress und viel Arbeit.
Eine Hochzeitsgesellschaft mit schwedischen Rumänen, rumänischen Schweden und ungarischen Rumänen-Schweden erforderte besonders viel Aufmerksamkeit. Nicht nur die vielen Kinder waren anstrengend, auch am Hochzeitsabend dauerte es sehr lange, bis das Abendessen endlich beendet war.

In dieser Zeit musste ich auch das erste Mal mit dem Bus fahren. Die zwei Jahre Fahrerfahrung aus Deutschland brachten mir keinen wirklichen Vorteil für das Fahren auf rumänischen Straßen. Der VW-Bus war mehr als doppelt so groß wie das Auto, an das ich bisher gewöhnt war und die Straßen sind „anders“ als in Deutschland. Aber ich gewöhnte mich schnell an die Straßen und lernte die Busse sehr zu schätzen. Einzig die Strecke zwischen Rosenau und Zarnesti war immer schrecklich zu fahren. Die Schlaglöcher auf der Straße sind mit weißer Farbe umkreist. Volker, ein weiterer Praktikant, und ich überlegten ob es nur eine Warnung war: „Achtung Schlagloch“ oder ob sie in nächster Zeit geflickt werden sollten und daher markiert wurden.

An die Verkehrsregeln hielt ich mich selbstverständlich, aber oftmals ging es einfach nicht anders und man musste über durchgezogene Linien fahren oder sich in den Verkehr drängen. Manchmal wunderte ich mich über die Gäste. Einmal fuhr ich abends mit mehreren alten, sehr netten Herren und Katharina zum Bärenhochstand. Am darauf folgenden Tag schenkte ich den gleichen Herren beim Abendessen einen Schnaps aus. Einer von ihnen frage mich, ob ich denn schon Schnaps ausschenken dürfe. Natürlich, erwiderte ich, ich würde ja auch schon Auto fahren. Daraufhin fragte er interessiert, ob ich das denn auch in Deutschland mache. Ich schloss aus seiner Frage, dass der Mann mich für unter 18 schätze, obwohl er am Tag zuvor mehr als zwei Stunden von mir durch das Land gefahren wurde. Ich sehe jünger aus als fast zwanzig, das mag schon sein, und daher schauten mich viele auch erst schräg an, wenn ich mich hinter das Steuer setze. Ausgestiegen ist aber nie jemand. Mit dem Autofahren gewöhnte ich mich auch an die Musik im Radio. Entweder hört man Europa FM oder Radio Brasov mit der rumänischen House Musik oder eben die Sender mit der traditionellen Musik. Beides ist aber die perfekte musikalische Untermalung für weite Landschaften mit den langen geraden Straßen und der heißen Sonne.
Ich finde auch, dass man sich nicht über die Verkehrsführung innerhalb von Kronstadt/Brasov beschweren kann. Ist die ungefähre Richtung bekannt, kann man den Schildern immer gut folgen und wenn man mal die falsche Abfahrt nimmt, gibt es nach den nächsten zwei Kilometern sicher einen Kreisverkehr um zu wenden.

Ich wurde von einer sprachbegeisterten Freundin gefragt, wie denn rumänisch klingt. Es fiel mir schwer es zu beschreiben und ich schickte ihr stattdessen einen Link für das Lied „Tot mai sus“ von Guess Who. Mit einem Sprachkurs hätte ich die Sprache wohl schnell gelernt, aber da in der Villa Hermani deutsch gesprochen wird, war die Notwendigkeit die Sprache aktiv zu sprechen, nicht da. Daher verstand ich zwar immer mehr bei Gesprächen, kann aber kaum rumänische Sätze bilden. Aber mir sind jetzt wahrscheinlich mehr Gemüse und Obstsorten auf Rumänisch bekannt als auf Englisch, da diese Wörter immer gebraucht wurden, sei es beim Keller aufräumen oder beim Einkaufen. Alleine einkaufen gehen machte mir besonders Spaß. Irgendwie funktionierte es immer und ich bekam alles was ich brauchte. Ich habe einen recht guten Orientierungssinn in den Städten und mit einer ungefähren Beschreibung einen Ort zu suchen war immer wieder spannend. Es ist ein bisschen wie eine Schnitzeljagd hinter Schildern mit der „Real“ Aufschrift herzufahren und dann wegen der abnehmenden Kilometerzahl auf den Schildern zu sehen, dass man sich seinem Ziel immer mehr nähert.

Kronstadt/Brasov lernte ich sehr zu schätzen in den drei Monaten. Die Innenstadt ist wunderschön mit den alten, bunten Häusern und die Auswahl an Cafes, Restaurants und Bars ist riesig. Hinzu kommen die vielen kleinen Läden mit Schmuck, Tüchern, Taschen und den verschiedensten Läden für Kleidung. Neben dem Bahnhof wurde eine neue Shoppingmall eröffnet. Außen hingen nur Werbeschilder von H&M und ich ging davon aus, dass dies der einzige Laden dort sei. Als ich in der Mall war um nach T-Shirts zu suchen, fand ich Ladenketten vor, die ich bisher nur aus Frankreich kannte und die es in Deutschland nicht gibt. Als ich das abends begeistert Gabi erzählte, wies sie mich darauf hin, dass die Preise gleich wie in Westeuropa sind. Das durchschnittliche Einkommen in Rumänien allerdings liegt weit unter dem des Westens. Somit können es sich viele einfach nicht leisten in den Läden einzukaufen.

Ich musste auch zum Arzt während meinem Aufenthalt dort. Ein sehr spannendes Erlebnis. Mein Hals war angeschwollen und wollte trotz vielem Tee und gutem Zureden der Frauen nicht besser werden. Bei der Ärztin erlebte ich dann den etwas anderen Arztbesuch. Katharina ging mit mir, sonst wäre ich wohl aufgeschmissen gewesen.
Die Frau schaute mir in den Hals und begann dann mit einer Flut von Worten Katharina meinen Zustand zu erklären. Ich verstand davon lediglich das Wort „infectie“. Erst später erzählte mir Katharina, dass die Ärztin „schon lange keine so schlimme Mandelentzündung“ gesehen hätte und dass man mir vielleicht auch Antibiotika spritzen müsste. Die Frage ist, was ist besser: Wenn man jedes Wort eines Arztes versteht und sich das Schlimmste vorstellen kann. Oder aber wenn man wie ich nichts ahnend den Gesten der Frau zuschaut und nicht genau erfährt was sie nun sagt. Es blieb dann bei Tabletten und mir ging es auch schnell wieder gut. Jeder der Frauen in der Küche war sofort klar, warum ich eine Mandelentzündung hatte. Mehrere erklärten mir, dass es von dem Autofahren mit offenen Fenstern komme.

Gegen Ende meines Aufenthalts war noch das große Sachenstreffen in Kronstadt. „Siebenbürgen, süße Heimat“ kannte ich schon – ich war also vorbereitet. So ein Event mit Hermann zu besuchen hat viele Vorteile, beispielsweise den Zugang zur Hintertür in der Schwarzen Kirche beim großen Festgottesdienst. Es war ein schönes Fest im noch bayrisch dekorierten Festzelt, eine Woche zuvor fand dort noch das Oktoberfest statt, und ein schöner letzter Tag in Kronstadt.

Ein paar Tage später kamen um die fünfzig Wolkendörfer zur Villa Hermani um dort ihren Tag und den Abend zu verbringen und gut zu essen. Dort kannten mich verschiedene Menschen und sie wussten dass ich dort bin, durch meine Großeltern.

Seit ich wieder in Deutschland bin, taucht Rumänien immer wieder im Alltag auf, beispielsweise beim Durchzappen im Fernsehen. Da stieß ich auf Dokumentationen über Turnerinnen in Deva, Vlad Tepes und ein Roma Dorf. Ich erkannte in den letzteren Dokumentationen viele Orte wieder. Zurück in Deutschland musste ich meinen Koffer bei Atlassib in Stuttgart abholen. Die Angestellten sprachen nur Rumänisch, die Schilder mit „pentru cafea“ waren auf Rumänisch, im Radio lief rumänischer HipHop und an der Wand hing eine große Rumänienkarte. Es war, als ob ich dort, mitten in Stuttgart-Zuffenhausen, 2000 Kilometer weiter in den Südosten versetzt wurde. Ich fand das toll. Demnächst werde ich in den rumänischen Laden bei uns in der Nähe fahren und schauen, ob sie Poiana Schokolade haben.

Ich möchte allen für die drei Monate danken, besonderes natürlich Hermann, Katharina und Gaby. Aber natürlich auch allen anderen. „Pe curănd în România.“

Katharina Sum, Tuttlingen

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Aktualisiert am 06.01.2017

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